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Buon Giorno Italia

Jugend-Kletterausfahrt ins Val di Mello und nach Finale Ligure vom 19.6.2011 - 25.6.2011

Der Morgen des 19. Juni ist trüb, dennoch sind alle gut drauf: Die Jugendlichen, weil es endlich los geht, ihre Eltern, weil sie für eine Woche ihre Ruhe haben würden und wir Leiter, weil das Val di Mello einer der besten Plätze ist, die wir kennen. Zumindest bei gutem Wetter. Wir beladen die Autos und quetschen uns zuletzt selbst hinein. Abfahrt!

Lukas hat sein Zigeunerleben vor einiger Zeit aufgegeben – ein Umstand, der ihm unter anderem ein respektables Auto eingebracht hat. Auf dessen Rückbank sitzt nun Frieder (15) mit den Zwillingen Moritz und Lukas Pfletschinger (16). Nach unseren Erfahrungen mit den Koch-Zwillingen wollten wir eigentlich keine Zwillinge mehr mitnehmen, aber Moritz und Lukas sind gute Jungs: Ihr ganzes Taschengeld geben sie für Kletterausrüstung aus und halten damit die Firma Petzl in schlechten Zeiten über Wasser. Dann ist noch Markus im Auto. Er soll im Val di Mello als Vorstiegsmaschine eingesetzt werden. Und natürlich Lukas, der fährt. Ines (17), Laura (17), Steffi und ich reisen etwas weniger komfortabel in Steffis Schrottkarre.

Der Weg zur Südseite des Bergells ist lang. Vorbei an Bregenz und Chur, weiter in Richtung San Bernardino, dann über den Splügenpass. Man landet in Chiavenna, von dort fährt man nach Morbegno und erreicht bald darauf das Val Masino. Am oberen Ende des Tals liegt nicht nur der liebenswerte Ort San Martino sondern auch der Eingang zum Val di Mello. Ganz in der Nähe gibt es einen Campingplatz, wo wir unsere Zelte aufbauen.

Nur ein paar Gehminuten vom Zeltplatz entfernt findet sich der Sasso Remmeno, ein gigantischer Granitmonolith, umgeben von weiteren Felsblöcken aller Größen – ein schöner Spielplatz mit unzähligen Kletterrouten. Platten, Cleane Risse, Überhänge – es hat einfach alles. Wir greifen an.

Am nächsten Morgen machen wir uns auf den Weg ins romantische Val di Mello. Im Talgrund liegen ein paar Weiden, darauf verstreut die Granitblöcke, die das Tal zu einem der besten Bouldergebiete der Alpen machen. Hier und da stehen einfache Steinhäuser. Dazwischen schlängelt sich ein glasklarer Bach, der von den höher gelegenen Schneefeldern gespeist wird. Saftige Mischwälder zieren die Berghänge, dazwischen liegen Felswände, die sich teilweise bis in die Hochlagen erstrecken. Kurzum: es handelt sich um ein kleines Paradies. Auch für Kletterer, wenngleich die Möglichkeiten lange ungeachtet blieben. Jetzt sind sie bekannt. Die Mädels, Markus und Lukas widmen sich gleich einer der Perlen: Luna Nascente (6b), zu deutsch "Aufgehender Mond". Die Route misst elf traumhafte Seillängen, für die Absicherung muss überwiegend selbst gesorgt werden. Markus und Lukas legen im Vorstieg Keile und Friends, die Mädels bringen sie im Nachstieg teilweise wieder mit. Die Jungs und ich lassen es in der Route "L’Alba del Nirvana" (6a, 5 SL) gemütlicher angehen, wenngleich auch hier der Umgang mit Klemmgeräten beherrscht werden sollte.

Am Nachmittag geht’s noch mal in den Klettergarten, am Abend bohren wir dort eine ca. 15 m lange Highline ein und balancieren darüber. Wir schöpfen die Tage voll aus, und das macht hungrig. Abends kochen wir gemeinsam. Steffi legt als Küchenchefin besonderen Wert auf landestypische Kost. So stehen z. B. Asiatisches Curry, Kässpätzle oder Kartoffeln mit Kräuterquark auf dem Plan. Den Zwillingen und Frieder ist das ziemlich egal, so lange beim Kochen nichts anbrennt. Sie wurden nämlich gleich am ersten Abend zum Abwaschen verdonnert – und zwar für die ganze Ausfahrt. Aber auch nach getaner Küchenarbeit bleibt noch Zeit für dumme Ideen: Die Bubis wollen im Portaledge übernachten – ein paar Meter neben ihrem Zelt. Zur Erklärung: Ein Portaledge ist quasi ein Hängebett für Biwaks in Steilwänden. Und es ist für zwei Personen ausgelegt. Lukas, Flo Jehle und ich mussten in einer Bigwall-Route einmal zu dritt darin nächtigen. Es war nicht lustig. Aber die Jungs sind nicht mehr von ihrer grandiosen Idee abzubringen.

Ein weiterer Klettertag steht an. Weitere Routen fallen, teils mit klingenden Namen wie "Polimago". Die Abenteuerroute Polimago (6b, 11 SL) genießt einen zweifelhaften Ruf. Ein kühner Schulterriss, ein viel zu enger Kamin und eine 20-m-Plattenquerung ohne jede Sicherungsmöglichkeit sind nicht jedermanns Sache. Dafür ist der Erlebniswert einer solchen Felsfahrt kaum zu überbieten. Zur Beruhigung der Nerven steht am Nachmittag Bouldern auf dem Programm, danach geht’s zur Badegumpe. Der Bach wird hier von einem Granitklotz aufgestaut, der gleichzeitig als Sprungturm dient. Wir spannen unsere Slackline über die Gumpe und erfrischen uns, was im Schmelzwasserbach recht schnell geht. Die Jugendlichen gehen tatsächlich alle baden, teilweise sogar freiwillig.

 

Die Ausfahrten der Reutlinger JuMa führten Markus, Lukas und mich bereits in den Jahren 2005 und 2007 ins Val di Mello. Beide Male flüchteten wir aber irgendwann wegen des schlechten Wetters ans Mittelmeer, nach Finale Ligure. Finale erreicht man in 4,5 Stunden und klettern kann man dort auch ganz gut. Wieder verheißt der Wetterbericht nichts Gutes. Diesmal machen wir es allerdings geschickter und wechseln das Gebiet, bevor alles nass ist. Während es in den Alpen zu regnen beginnt, erreichen wir trockenen Fußes das Meer. Lukas' Auto zuerst, eine Stunde später kommt der Rest an. Grund der Verzögerung: Orientierungsschwierigkeiten bei Mailand. Die offizielle Erklärung: Die Mädels wollten zum Shoppen in die Innenstadt.

Unterhalb des Monte Cucco existiert ein für uns interessanter Zeltplatz: halb legal, ganz umsonst. Wir richten uns ein. Danach geht's an den Strand, die Finger brauchen sowieso einen Ruhetag. Während es sich ein Teil der Gruppe auf einer schwimmenden Badeinsel bequem macht, verfolgen Frieder, die Zwillinge und Lukas einen bösen Plan. Im Sand entsteht eine Grube, die mit unserer Decke abgedeckt wird. Die Ränder der Decke werden beschwert, die Falle ist fertig. Frisch abgeduscht und bester Laune kommt Steffi zurück, setzt sich auf die Decke und bricht ein. Das Geschrei ist laut, das Gelächter ebenfalls und die anderen Badeurlauber sind begeistert. Endlich mal was los!

Tags darauf fahren Ines, Laura, Markus, Moritz, Frieder und ich zum Bric Pianella, wo die höchste und eindrucksvollste Felswand des Gebiets zu finden ist. Wir klettern "Grimonett" (6b, 7 SL), eine schöne Route, in der es sogar Griffe gibt. Nach getaner Arbeit geht es wieder zum Sandeln und Planschen. Am Meer treffen wir auch die anderen wieder. Steffi und Lukas (Binder) waren Sportklettern, Lukas (Pfletschinger) musste gesundheitsbedingt aussetzen. Am Abend ist er aber wieder fit und gewinnt beim Speed-Prusiken.

Der letzte Klettertag wird noch einmal lustig. Am Monte Cucco gerät ein Teil der Gruppe in eine schwierige Mehrseillängenroute mit miserablen Fixpunkten. Nach überstandenem Abenteuer folgt Ines im Abstieg einem falschen Weg und ist zeitweise verschollen. Am Ende ist aber alles gut und wir lassen den Tag mit Pizza und Eis (und dann wieder mit Pizza) am Strand ausklingen. Dann geht's heim. Von der Straße aus sehen wir noch eine ganze Zeit das Meer. Der Abschied fällt schwer. Irgendwann in der Nacht erreichen wir unser Hexenhäusle, rollen die Matten aus und legen uns todmüde schlafen.

Zum Schluss ein kurzes Fazit: Ich würde mal sagen, die Ausfahrt war richtig cool!

Unser Dank gilt dem Reutlinger Alpenverein, der die Ausfahrt großzügig finanziell unterstützt hat, sowie Mountain Equipment, Partner der JDAV, für schicke Mützen für die Gruppe.

Text: Fritz Miller
Fotos: Lukas Binder

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