Und täglich grüßt das Murmeltier

Beim Start in Les Houches hüllt sich der Mont Blanc noch in Wolken.

Die Spannung steigt, als wir uns morgens um 6 Uhr am Bahnhof in Reutlingen treffen. Chamonix heißt das Ziel. Und dort erwarten uns auf dem Weg gen Süden 220 Wanderkilometer, über 11000 Höhenmeter Anstieg und fast 12000 Meter Abstieg.

Doch bevor wir die Wanderschuhe so richtig schnüren, den hoffentlich nicht zu schweren Rucksack schultern und die Wanderstöcke ausziehen können, liegt eine fast 9-stündige Bahnfahrt vor uns. Und die endet schneller, als gedacht. Denn noch in Deutschland haben wir bereits Verspätung und verpassen den Anschlusszug. Wie gut, dass Tourenplaner und Wanderguide Achim Runge in Windeseile eine neue Verbindung ausfindig macht und wir nur eine Stunde später in Les Houches, einem Nachbarort von Chamonix, ankommen.

Leider hüllt sich auch als wir am nächsten Morgen aufbrechen der höchste Berg der Alpen, der Mont Blanc, in dichte Wolken. Doch wir sind endlich unterwegs. Unterwegs auf dem GR5, dem Grande Randonée Nummer 5. Der wie sein italienischer Bruder auch „Grande Traversée des Alpes“ genannte letzte Abschnitt des Europäischen Fernwanderweges E2 führt über 700 km vom Genfer See immer Richtung Süden längs der französischen Westalpen bis nach Nizza. Um die gesamte Strecke zu bewältigen, braucht es wenigsten einen Monat. Daher absolvierte die Gruppe bereits im letzten Jahr den ersten Abschnitt von St. Gingolph am Genfer See bis Chamonix, dem dieses Jahr nun der mittlere Teil bis Briancon folgen soll.

Endlich geht's los

Da uns in den kommenden Tagen ja noch genügend Höhenmeter erwarten, lassen wir den ersten Tag etwas ruhiger angehen und nutzen nur dieses eine Mal eine Seilbahn. Mit der Bellevue Cable Car sind 700 Meter schnell überwunden – und dann heißt es endlich: wandern. Das Wetter ist prächtig und gleich zu Beginn überschüttet uns die Bergwelt mit imposanten Eindrücken. Noch im direkten Einfluss des Mont Blanc reichen die Gletscher bis weit in die Täler herunter, während wir über saftige Bergwiesen, durch tiefgrüne Nadelwälder und über glasklare Bäche marschieren. Eigentlich ist es eher ein „Schlendern“, denn der Weg geht noch gemächlich und lässt uns genügend Zeit, die imposanten Aussichten, die uns nach jeder Biegung aufs Neue erwarten, zu genießen und zu fotografieren. Und dann, im Rückblick, schenkt er uns doch noch einen Blick auf sein mächtiges Massiv. Höher und höher staffeln sich die Bergketten. Und ganz hinten, über allem majestätisch drohnend, der Mont Blanc.

Im Hintergrund der Mont Blanc

Durch den Vanoise Nationalpark

Gewitterstimmung am Col du Palet

Die spektakulären Panoramen und das geradezu unverschämt gute Wetter sollten uns auch auf den folgenden Etappen die Treue halten. Einzig ein kurzes Gewitter mit Graupelschauer trifft uns am Col du Palet, das wir aber bei dampfender Suppe und dunklem Rotwein entspannt von der Hütte aus betrachten. Und der kurze Gewitterschauer als wir vom Refuge d’Entre Deux Eaux starten wird bereits nach einer knappen Stunde wieder von strahlendem Sonnenschein vertrieben. Neben Panorama und Wetter haben wir noch einen dritten treuen Begleiter: das Murmeltier. Während man in den östlichen und Zentralalpen häufig nur die warnenden Pfiffe zu hören und die Bauten entlang der Wanderwege zu sehen bekommt, sind die „Marmots“, wie sie auf Französisch heißen, hier deutlich geselliger. Schon beinahe zutraulich werden die bis zu einem halben Meter großen Nager im Nationalpark Vanoise, den wir am sechsten Tag erreichen. Hierzu verlassen wir für ein paar Tage den GR5 und durchqueren auf dem GR55 den 1963 vor allem zum Schutz bedrohter Tierarten gegründeten „Parc National de la Vanoise“. Neben den Murmeltieren leben hier noch etwa 2500 Steinböcke, Gämsen, europäische Mufflons, Hermeline (Marder), Bartgeier und Steinadler im Schatten von über 40 Dreitausendern wie im Paradies. Leider bekamen wir davon aber neben den Murmeltieren nur Gämsen und ein Adlerpaar zu sehen. Und selbst als uns ein Hüttenwirt versicherte, dass er in dem vor uns liegenden Abschnitt schon etliche Steinböcke gesehen hätte, ließen sich die Bewohner der hochgelegenen Felsregionen nicht blicken.

Eine Gemse in Fotopose.
Treue Begleiter: Murmeltiere.

Aber auch ohne diese Begegnung bleiben die Wandertage ein Hochgenuss. Wir überschreiten bis zu 2800 Meter hoch liegende Pässe, die hier „Col“ heißen und sind beeindruckt vom ständigen Wechsel der Landschaften zwischen der kargen Hochgebirgsregion in Stein und Eis, der bis auf 2200 Meter reichenden Baumgrenze und den sanften Almwiesen beim Abstieg in die Täler. Unterwegs kühlen wir die Kehlen in gemütlichen und von freundlichen Wirten bewirtschafteten Hütten und die Füße in von Gletschern gespeisten, kristallklar spiegelnden Bergseen. Manfred lässt es sich dabei nicht nehmen, die Seen konsequent auf ihre Badetauglichkeit zu prüfen. Sein Urteil: kein Problem, während wir es lieber bei den Füßen belassen.

Traumhafte Panoramen
Am Col de la Croix

Einsame Wege – volle Hütten

Draussen Gewitter, drinnen besinnliche Momente

In einem angenehmen Wechsel folgt auf zwei oder drei Hüttenübernachtungen eine Unterkunft im Tal, mit etwas mehr Komfort, einem „eigenen“ Bett und einer heißen Dusche. Und mit jedem weiteren Wandertag werden die täglichen Abläufe mehr und mehr zur Routine: Frühstück, Vesper richten, Rucksack packen, Wasserflasche füllen, Schuhe schnüren, gehen, kurze Trinkpausen einlegen, eine größere Mittagspause machen, am nächsten Ziel ankommen, das Lager beziehen, zu Abend essen, die Eindrücke des Tages bei einem (oder auch mehreren) Glas Rotwein nachwirken lassen und dann – endlich – schlafen. Mit der Nachtruhe ist das aber so eine Sache. Denn obwohl wir unterwegs zeitweise kaum jemand zu Gesicht bekamen, waren die Hütten voll, ja zum Teil über voll belegt. Wie gut, dass Achim alle Unterkünfte reserviert hatte. Die Schnarchkonzerte und der rege Toilettenverkehr durch den wieder nach außen drängenden Wein nahmen so mancher Hüttennacht die erholende Komponente. Gelegentlich beneidete ich die Wanderer, die in eigenen oder in den vom Hüttenwart aufgestellten Zelten übernachten mussten – in diesem Fall – durften. Als im Refuge du Thabor wieder einmal der nächtliche Lärmpegel zu hoch und der Sauerstoffgehalt gegen Null gesunken war, blieb mir nur der Umzug auf die Holzbank vor der Hütte. Trotz harter Unterlage und frostiger Temperaturen die bessere Alternative. Insbesondere, da der Sternenhimmel beeindruckend und der Sonnenaufgang überwältigend war.

Sonnenaufgang am Refuge du Thabor

Essen wie Gott in Frankreich

Geselliges Abendessen im Refuge Plan de la Lai.

Mehr als nur entschädigt für die nächtliche Unruhe hat hingegen das Essen. Die Redensart „Essen wie Gott in Frankreich“ gilt hier in den französischen Alpen auch auf den Berghütten und fand ihre Umsetzung in vier üppigen und äußerst geschmackvollen Gängen: nach der für die Region Savoyen typischen Gemüse-Kartoffelsuppe, die mit Käse garniert und mit frischem Brot gegessen wird, folgte der Hauptgang in der Regel mit Rindfleisch, dem ersten Nachtisch mit ebenfalls typischem Savoyer Käse und dem zweiten, süßen Nachtisch. Umrahmt und begleitet natürlich von reichlich rotem oder weißem Wein – schließlich galt es die Flüssigkeitsspeicher wieder aufzufüllen. Ja, ja, ich weiß schon – wir hatten dazu auch ausreichend Wasser.

Erst draußen Bier ...
... dann drinnen feine Savoyer Suppe

Es ist geschafft

Briancon: Schöne Altstadt umgeben von mächtigen Festungen

So kommen wir nach grandiosen zehn Wandertagen am Ziel dieser Etappe in Briançon an. Und als ob es uns die Sonne noch mal so richtig zeigen wollte, kletterte dort das Thermometer auf über 35 Grad. Zu viel für den ohnehin wenig attraktiven Abstieg vom ebenso unattraktiven Skiort Montgenèvre und nachdem wir an diesem Tag bereits 2500 Höhenmeter in den Beinen haben. So holt uns nach den obligatorischen Erinnerungsfotos am Obelisken zu Ehren Napoleons und einer ausreichenden Menge an Kaltgetränken das Sammeltaxi ab und bringt uns direkt zum Hotel in Briançon. Ein letztes Mal das Zimmer beziehen, den Rucksack auspacken, den Staub des Tages abwaschen, die Schuhe lüften und gemeinsam den Abend verbringen. Am nächsten Morgen geht es dann in aller Frühe zum Bahnhof, wo Reinhard wie an jedem Morgen ein kurzes Gedicht, einen Gedanken, eine Weisheit vorträgt und uns auf den Tag einstimmt. Wir sind froh es geschafft zu haben und zugleich traurig, dass es vorbei ist. Hinter uns liegen elf traumhafte Tage, perfekt geplant und durchgeführt von Achim Runge. Und auch wenn sich auf der Rückfahrt schon wieder die Gedanken an den Alltag aufdrängen, wissen alle, dass es ja nicht wirklich zu Ende ist. Der Termin für die letzte Etappe steht schon fest. Und dann heißt das Ziel Nizza.

Früh morgendlicher Abschied vom GR5
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