DAV/GEA-Leserreise 2012: Im Schatten der Drei Zinnen

Die Nordwände der Drei Zinnen

In die Sextener Dolomiten ging die diesjährige Wanderreise des DAV Reutlingen in Zusammenarbeit mit dem Reutlinger Generalanzeiger. Dabei erlebte die knapp 50-köpfige Reisegruppe nicht nur eine beeindruckende Berglandschaft mit gewaltigen Felsformationen, sondern erfuhr auch von tragischen Schicksalen des fast 100 Jahre zurückliegenden Gebirgskrieges.

In den Bergen sind Gewitter einfach noch dramatischer. Schließlich ist man dem Geschehen ja auch ein ganzes Stück näher. Wer jetzt noch im Freien ist, vielleicht sogar noch auf dem Gipfel, erlebt eine äußerst unangenehme Nacht. Wir hingegen sind wohlbehalten in unserem Hotel Seehof, idyllisch im Pustertal direkt am See gelegen, mit Blick auf das bekannte Skigebiet Kronplatz. Einige haben das nächtliche Gewitter nicht einmal mitbekommen und wundern sich am nächsten Morgen über die Schilderungen. Vielleicht waren ja die Eingewöhnungstouren am ersten Tag der Grund für den tiefen Schlaf. Oder doch eher das eine oder andere Viertele nach dem guten Abendessen?

Die ganze Gruppe vor dem Start
Intakte Bergwiesen mit üppiger Blumenpracht

Römerweg und üppige Blumenwiesen

Während Gewitter gelegentlich auch für Wetterverschlechterung sorgen, ist es in diesem Fall eher eines von der reinigenden Sorte. Denn auch wenn die erste Tour oberhalb von Toblach nach der langen Busanfahrt nur wenige Höhenmeter hatte und über angenehme Wald- und Wiesenwege ging, brachte die schwüle Hitze doch so manchen bereits mächtig ins Schwitzen. Ein Großteil der Strecke führte über den Römerweg, der zwar schon lange existiert, dessen römische Wurzeln jedoch nicht eindeutig belegt sind. Nach der Umkehr am höchsten Punkte ging es über romantische Almwiesen, die durch ihre üppige Blumenpracht die Wandergruppe zu wahren Begeisterungsstürmen veranlassten. Während die Fotografen nicht mehr an sich halten konnten und alles vor die Linse nahmen, benannten die botanisch Kundigen eine Vielzahl der Magerrasenbewohner: Arnika, Kohlrösle, geflecktes Knabenkraut, Trollblume und Sumpfragwurz sind nur einige der bestimmten Pflanzen. Wieder zurück am Startpunkt hatten alle noch genügend Kraft in den Beinen, um eine weitere kleine Wanderung anzuhängen. Um den Toblacher See sollte es gehen, der ursprünglich als erste Tour geplant war, dann aber doch durch den etwas anspruchsvolleren Römerweg ersetzt wurde. So folgte eine gemütlich Runde um den See, an dessen Ufer immer wieder Tafeln mit interessanten Informationen zu Fauna und Flora die Runde begleiteten.

Trollblume
Ein Teil der Gruppe vor den Nordwänden
Auf dem Weg zur Büllelejoch-Hütte
Verdiente Rast auf der Büllelejoch-Hütte

600 Meter senkrechte Wand

Mit gemischten Gefühlen blicken wir am nächsten Morgen aus dem Fenster. Noch hängen nach dem nächtlichen Gewitter dicke Wolkenbänke in den Berggipfeln. Ausgerechnet heute, wo wir doch an diesem zweiten Tag die Umrundung der Drei Zinnen und des Paternkofel angehen wollen. Doch im Laufe des üppigen Frühstücksbuffets drücken erste blaue Flecken durch die Wolkendecke, lichten sie zu Schleiern und zerreißen sie schließlich in einzelne Fetzen. Auf der Busfahrt zur 2320 Meter hoch gelegenen Auronzo Hütte, dem Startpunkt unserer heutigen Tagestour, setzt sich das wilde Schauspiel fort und gibt immer mehr herrliche Ausblicke auf die imposanten Gipfel der umliegenden Bergriesen frei. Während eine Gruppe den kürzeren Weg über den Paternsattel direkt zur Drei Zinnen Hütte und über die Langalm zurück zum Ausgangspunkt nimmt, macht sich die andere Gruppe auf den Weg den Paternkofel zu umrunden. Geht es bis zur Lavaredo Hütte noch gemächlich auf gleicher Höhe dahin, beginnt danach der Anstieg auf das Büllelejoch, das den Blick auf die nördlich gelegenen Berge freigibt. Von dort sind es nur noch ein paar Schritte zur Büllelejoch Hütte auf 2528 Metern Höhe, die den ersten Abschnitt der Wanderung mit leckeren Käspressknödeln und kühlen Getränken belohnt. Allzu lange können wir jedoch nicht verweilen, wollen wir doch noch zur Drei Zinnen Hütte und weiter um die Drei Zinnen herum. Nach einem kurzen Abstecher auf die Oberbachernspitze, zu deren Fuß die Hütte liegt, geht es zurück zum Büllelejoch, vorbei an der Nordflanke des Paternkofel und den Bödenseen wieder etwas hinauf zur Drei Zinnen Hütte. Dort empfängt uns das Wahrzeichen der Region mit einer Bilderbuchaussicht auf die weltbekannten Nordwände von Kleiner Zinne, Großer Zinne und Westlicher Zinne. Besonders beeindruckend ist die mittlere Große Zinne, deren Wand 600 Meter senkrecht nach oben ragt. Auf die Frage einer Teilnehmerin, ob man denn dort hinaufklettern könne, wird es plötzlich still in der Runde, als Wanderleiter Hans Heiss zu erzählen beginnt. Er selbst sei dort in jungen Jahren hinaufgeklettert. Und die ersten 250 Meter sind nicht nur senkrecht, sondern sogar 30 Meter überhängend. Da rücken sogar Wanderer näher, die nicht zu unserer Gruppe gehören. Auch auf der kleinen Zinne sei er bereits gewesen und wurde mit seinem Bergkamerad beim Abseilen auf der Südseite von einem Gewitter überrascht. Als sich dann das Seil in einer Felsspalte verklemmte und nicht mehr abgezogen werden konnte, blieb ihm nur das Hochklettern am nackten Seil, um es wieder frei zu bekommen. Und das bei Gewitter, Graupel und schwindenden Kräften. Es ging dann aber doch gut aus, auch wenn sie erst spät in der Nacht zur Drei Zinnen Hütte zurückkehrten und seine Frau kurz davor war, die Bergwacht zu alarmieren.

Nach der bereits zurückgelegten Strecke und den spannenden Erzählungen ist die Zeit bereits so weit vorangeschritten, dass als Rückweg die kürzere Route über den Paternsattel gewählt wird, anstelle der längeren Umrundung der Drei Zinnen über die Langalm. Auch wollen wir die andere Gruppe, die ja die kleinere Runde gewählt hatte, nicht zu lange warten lassen. Diese Befürchtung war jedoch unbegründet, da nach der Rückkehr in der Auronzo Hütte und einem leckeren Apfelstrudel auch die andere Gruppe dort eintrifft und wir gemeinsam die Rückfahrt ins Hotel antreten können.

Blick zurück auf Sextener Rotwand und Burgstall

Zithermusik zum Kaiserschmarrn

Auch am nächsten Morgen, dem dritten Tag der Reise, gilt der morgendliche Blick wieder dem Himmel. Eigentlich war für heute mit einer Gruppe eine Tour vom Kreuzbergpass zur Berti Hütte geplant. In der Nacht hatte es jedoch erneut geregnet und die Tour enthält einige mit Ketten gesicherte Felspassagen sowie Steilstufen. „Unter diesen Voraussetzungen zu gefährlich“ beschließen die Wanderleiter und planen kurzerhand um. In zwei Gruppen geht es zwar vom Kreuzbergpass los. Gemeinsames Ziel ist jedoch die Rudi Hütte, die auf unterschiedlichen Wegen unterhalb der Sextener Rotwand erreicht werden soll. Und so treffen sich beide Gruppen wieder nach zwar nicht ganz so spektakulären aber dafür vielseitigen Wanderungen unterhalb und oberhalb der Baumgrenze auf der Rudi Hütte oberhalb von Moos. Lediglich die Gruppe, die den oberen Weg gewählt hatte, muss beim Abstieg vom Burgstall eine verblockte und mit Schneefeldern bedeckte Rinne bewältigen. Danach schmecken dann aber die dreierlei Knödel und der goldgelbe Kaiserschmarrn umso besser. Vor allem, wenn der Gaumenschmaus auf der Terrasse von herrlichem Bergpanorama umgeben und vom Hüttenwirt Rudi auf der Zither begleitet wird. Von ihm und seinem Sextner Trio gibt es sogar eine CD. Dermaßen gestärkt wandert es sich dann leicht hinab nach Moos, wo bereits der Bus bereit steht.

Befestigungsanlage vor der Sextener Rotwand
Blick von der Rudi-Hütte
Die Gilfenklamm

Die einzige Marmorschlucht Europas

Wie die Zeit vergeht. Es ist bereits Sonntag und die Rückreise steht an. Doch geht es nicht direkt nach Hause. Organisator Bernd Schönwälder hatte sich noch etwas Besonderes einfallen lassen und für die Rückreise einen Besuch der Gilfenklamm bei Ratschings eingeplant. Die bis zu 15 Meter tief in reinweißen Marmor eingeschnittene Klamm bietet auf einem etwa 45 Minuten dauernden Fußweg über Hängebrücken und Treppen atemberaubende Ausblicke auf Wasserfälle und tosende Wassermassen. Solchermaßen mit Eindrücken und Erlebnissen im Gepäck geht es dann zurück in heimatliche Gefilde mit dem gemeinsamen Abschluss, traditionell im Gasthof Felsen in Baach-Zwiefalten.

„Wie hat es euch denn gefallen“, will ich zum Abschluss wissen. „Super“, „toll“, „klasse“ lauten die Antworten. „Und wohin geht es nächstes Jahr?“ kommt sofort als Frage hinterher. Na, wenn das kein Kompliment ist.

Drama am Paternkofel

Sepp Innerkofler (gemalt von Franz Defregger)

Wo heute Wanderer die beeindruckenden Bergmassive der Sextener Dolomiten erleben, fand vor nicht einmal 100 Jahren einer der wohl erbittertsten Gebirgskriege der Geschichte statt. Im ersten Weltkrieg standen sich neben den Hauptfronten in den karnischen und julischen Alpen auch hier die Armeen von Österreich-Ungarn und Italien von 1915 bis 1918 gegenüber. Unter ungeheuren Strapazen und Entbehrungen wurde in Halteschlachten verbissen um die Frontlinie gekämpft, die sich zum größten Teil in gebirgigem Gelände befand, was besondere Anforderungen an die Kriegsführung stellte. So kamen an manchen Frontabschnitten mehr Soldaten durch Lawinen, Felsstürze und Unfälle ums Leben, als durch feindlichen Beschuss.

Eine besonders tragische Geschichte rankt sich um Sepp Innerkofler, der als Tiroler Bergführer 1890 erstmals die Nordwand der Kleinen Zinne beging und ab 1898 Wirt der Drei Zinnen Hütte war. Nach der Kriegserklärung Italiens an Österreich im Mai 1915 bildete Innerkofler einen Trupp aus Bergführern innerhalb der Standschützen aus, die als Jugendliche oder ältere Männer nicht zu den wehrpflichtigen Jahrgängen gehörten. Beim Versuch, den durch italienische Alpini besetzten Gipfel des Paternkofel zurück zu erobern, kam Innerkofler am 4 Juli 1915 ums Leben. Es wird erzählt, dass beim Angriff auf eine italienische Stellung der Alpini Piero de Luca – weil er keine schussbereite Waffe hatte – einen größeren Stein nach dem unterhalb kauernden Innerkofler warf und ihn am Kopf traf. Beim Absturz in den Oppelkamin soll sich Innerkofler dann tödlich verletzt haben.

Das besonders Tragische daran ist, dass Innerkofler eben diesen Piero de Luca erst kurz davor aus der Wand der Großen Zinne gerettet haben soll, als sich de Luca bei einer Erkundung dort verstiegen hatte. Die Italiener baten um Innerkoflers Hilfe und überließen den verfeindeten Österreichern während der Rettungsaktion sogar zwei italienische Unterhändler als Faustpfand. Erst als de Luca und die Alpini den toten Innerkofler geborgen hatten, erkannten sie, wen sie getötet hatten und setzten ihn am Gipfel des Paternkofel bei.

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