|
|
Blick zurück
»
Tourenberichte Sommer
»
Ararat 2004
|
Glücksgefühl am Berg der Schmerzen
Groß und mächtig, schicksalsträchtig. Nein, nicht der Watzmann wird hier beschrieben, sondern ein fast doppelt so hoher Berg. 25 Bergsteiger der Sektion Reutlingen im Deutschen Alpenverein haben sich am Ararat versucht. Und alle haben den 5165 Meter hohen Gipfel geschafft.
|
|
Der erste Blick auf den Großen Ararat gebietet Respekt. Aus einer 1300 Meter hoch gelegenen kargen Hochebene wächst ein gewaltiger Klotz in den Himmel. Fast 4000 Meter Höhenunterschied von der breiten Basis bis zum schneebedeckten Gipfel, das hat kaum einer der Bergsteiger vorher je gesehen. Kein Wunder, dass die Bibel den zuletzt 1840 ausgebrochenen Vulkan als den Ort ansieht, der nach der Sintflut zuerst wieder aus den Fluten auftauchte. Doch anders als Noah mit seiner Arche wollen die Alpinisten nicht den Seeweg einschlagen. Sie bevorzugen den staubigen Steig zum Gipfel.
In Dogubayazit, der 50 000-Einwohner-Stadt am Fuße des Ararats, ist Geduld gefragt. Das allgegenwärtige Militär kontrolliert. Im Schatten von Schützenpanzern werden Genehmigungen geprüft, Namenslisten verglichen, die Blutgruppen abgefragt. Der Berg liegt auf kurdischem Gebiet, die Erinnerungen an den Bürgerkrieg mit der PKK sind noch frisch. Zudem ist die Iranische Grenze nur 20 Kilometer entfernt. Nervosität ist spürbar. Bis 1982 und dann wieder nach dem ersten Golfkrieg 1991 war der Büyük Agri Dagi, der Berg der großen Schmerzen, absolutes Sperrgebiet. Erst seit zwei Jahren darf er mit Sondergenehmigung und mit heimischen Bergführern von der Südseite bestiegen werden.
|
|
|
Nach der Kontrolle heißt es umsteigen auf die Ladefläche zweier klappriger Lastwagen. Mit abgefahrenen Reifen quälen sich die Fahrzeuge über Schotterstraßen hinauf ins Bergdorf Eliköyü auf 1900 Meter. Hier wird das schwere Gepäck auf Pferde und Esel verladen, hier beginnt der Marsch. Und hier werden die Bergsteiger vier Tage später nach dem erfolgreichen Gipfelsturm das erste Bier durch trockene Kehlen rinnen lassen.
Die erste Etappe ist lockeres Bergwandern. Langsam windet sich der Pfad durch dürres Hügelland. Dorfkinder halten schüchtern die Hand auf und werden mit Sonnenmilch oder Schokolade beschenkt. Nach einer Stunde macht sich einer der drei Bergführer grußlos aus dem Staub. Nach vier Stunden, im Lager eins auf 3200 Metern Höhe angekommen, teilt der Chefbergführer mit, die Lasttiere hätten zu wenig Trinkwasser mitgebracht. Die Aussicht auf genügend Schmelzwasser am nächsten Tag beruhigt nicht wirklich. Eben so wenig wie das Auftauchen einer nächtlichen Militärpatrouille, die eine Bergsteigergruppe aus dem Iran sucht.
|
|
|
Nach einem kargen Frühstück beginnt der eigentliche Anstieg. Steil führt der Weg durch Schutt und vulkanisches Lockergestein hinauf. Jetzt zahlt sich die Akklimatisierung aus. Ein paar Tage zuvor war die Gruppe aus Reutlingen während ihrer Kultur- und Wanderreise auf den Süphan Dagi gestiegen, einen erloschenen Vulkan am Van-See, der mit 4050 Metern den zweithöchsten Gipfel der Türkei bildet. Das Hochlager am Ararat auf 4150 Metern Höhe gleicht auf dem ersten Blick einer öden Blockhalde. Es finden sich ein paar ebene Flächen, die gerade mal ein Zelt aufnehmen. Die Nacht auf dem rauen Untergrund ist kurz. Der Steinschlag, der immer wieder aus einer nahen Schlucht herüberdröhnt, und die dünne Luft lassen den Atem unruhig gehen.
Endlich ist es ein Uhr. Wecken. Um zwei Uhr macht sich die Kolonne auf den Weg. Stirnlampen und der Vollmond geben Licht. Steil geht es Schritt für Schritt hinauf, immer in den Fußstapfen des Vordermanns. Immer wieder rutscht man auf der schwarzen Geröllhalde zurück. Auf 4700 Metern Höhe wird es ungemütlich. Eiskalter Wind pfeift über den ausgesetzten Grat. Im Rucksack erstarren die Getränke zu Eis. Die aufgehende Sonne wärmt nicht, dafür wirft sie einen imposanten Pyramidenschatten des Ararats ins weite Land. Auf 5000 Metern Höhe hat die staubige Plackerei endlich ein Ende. Die Steigeisen – mit klammen Fingern angelegt – greifen in tiefgefrorenem Firn. Die letzten Meter auf der Eiskappe werden zum Genuss. Am Berg der Schmerzen erleben 25 Bergsteiger ein Glücksgefühl. Der Gipfel gehört ihnen. (ke)
|
© 2010 Deutscher Alpenverein Sektion Reutlingen e.V. - Alle Rechte vorbehalten.
|
|